Schwerpunkt: Prager Figurationen jüdischer Moderne
Irina Wutsdorff, Manfred Weinberg, Katja Wetz
Zur Einführung
– Introduction

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Seiten: 9-22

Andreas B. Kilcher
Das „jüdische Prag“ um 1900. Narrative und Figurationen
– Jewish Prague around 1900. Narratives and Images

Das ,jüdische Prag‘ ist eines der markantesten urbanen Narrative der europäischen Moderne. Es lässt sich als Historie und zugleich als Erzählung analysieren, als Geschichte eines komplexen nationalen und kulturellen Spannungsfeldes von Kulturkontakten und Kulturkonflikten. Der Akzent liegt hier auf der Erzählung und damit der Imagination (Vorstellung), Narration (erzählerische Anordnung) und Figuration (bildliche Darstellung) jenes „jüdischen Prag“. Diese Konstruktion erfolgte um 1900 in einem spezifischen Kontext: Ihre Akteure waren zumeist Söhne deutsch-jüdischer wie tschechisch-jüdischer Assimilation, deren Integrationsversprechen sich auch und gerade angesichts der Nationalisierungsbewegungen als uneinlösbar herausstellte. In diesem Umfeld erfolgte die Neuerfindung des ,jüdischen Prag‘ als eines säkularen, d.h. weniger religiösen als vielmehr kulturellen und politischen Selbstentwurfs inmitten der Moderne um 1900.

“Jewish Prague” is one of the most remarkable urban narratives of European modernism. It can be analyzed both as history and as a story – of the complex national and cultural interplay between cultural contacts and cultural conflicts. The focus here is on the story and thereby the imagination, narration, and figuration of this “Jewish Prague.” This construct emerged around 1900 in a specific context: its protagonists were mostly sons of assimilated German as well as Czech Jews, whose promise of integration was unfulfilled, not least due to the nationalist movement. This environment resulted in a reinvention of “Jewish Prague” as a secular, i.e. less religious and instead cultural and political, self-narrative in the midst of modernism around 1900.

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Seiten 23-35

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Jindřich Toman
Böhmische Juden als böhmische Juden: Literarische Zeugnisse der 30er-und 40er-Jahre des 19. Jahrhunderts
– Bohemian Jews as Bohemian Jews: Literary Documents of the 1830s-1840s

Der vorliegende Aufsatz analysiert die Art und Weise, wie in den Dekaden unmittelbar vor 1848 jüdische Autoren aus Böhmen ihre Identität literarisch verhandelten. Die Hauptprotagonisten sind August Ludwig Frankl (1810-1894) und Siegfried Kapper (1820-1879). Im Vordergrund steht Kappers auf Tschechisch veröffentlichte Gedichtsammlung České listy (1846), die hier als Zeugnis einer sich wandelnden Einstellung der böhmischen Juden zur Habsburger Monarchie interpretiert wird. Kapper zeigt ein verstärktes Interesse am Lokalen, d. h. Böhmischen bzw. Tschechischen; seine Position lässt dabei den Einfluss sowohl des böhmischen Landespatriotismus als auch des europäischen Reformjudentums erkennen. Die von Kapper entworfene Alternative zum Imperialen wird als Vorspiel einer sozialen und kulturellen Modernisierung verstanden, die sich dann im späten 19. Jahrhundert verstärkt zu Wort meldet.

The present study analyzes the ways in which nineteenth century Jewish writers from Bohemia negotiated their identity. The main protagonists are two poets of the decades preceding 1848, August Ludwig Frankl (1810-1894) and Siegfried Kapper (1820-1879). Kapper’s poetry collection České listy (1846) is particularly significant. It is analyzed here in detail as a testimony of a changing attitude of Czech Jews to the Habsburg monarchy. Kapper shows a strong interest in Bohemia and the Czechs while showing traces of Bohemian Landespatriotismus as well as of Reform Judaism. His alternative to the Imperial is understood as a prelude to a social and cultural modernization that became increasingly influential in the late 19th century.

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Seiten: 37 – 52

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Walter Schübler
„Der Börsejud als Übermensch“ oder Anton Kuhs Anamnese der jüdischen Moderne und
deren Rezeption in Prag
– “The Jewish Stock-Jobber as Übermensch” or: Anton Kuh’s Anamnesis of Jewish Modernity and
Its Reception in Prague

In seinem Aufsehen erregenden Essay Juden und Deutsche (1921) entwirft Anton Kuh (1890-l941) gegen die formelhafte Alternative der jüdischen Moderne – Assimilation oder Zionismus – ein drittes Modell jüdischer Identität, indem er die Exterritorialität der Diaspora in eine kosmopolitische Mission umdeutet. Zwei Stegreif-Vorträge, bei denen er seine provokanten Thesen zur Diskussion stellt, sind nicht nur Prager „Gesellschafts-Sensationen“ – Max Brod bricht aus diesem Anlass auch eine Lanze für den ernst zu nehmenden „schöpferischen Denker“ Anton Kuh, und Felix Weltsch attestiert dem „bösartigen Entdeckerauge“ Kuhs „verblüffende Entschleierungen“.

In his essay Juden und Deutsche (1921) [Jews and Germans], which caused a sensation, Anton Kuh (1890–1941) conceptualizes a third model of Jewish identity against the formulistic alternative of Jewish modernity, i.e. assimilation or Zionism. In this model he reframes the exterritoriality of the diaspora into a cosmopolitan mission. Two of his impromptu speeches, in which he presents his provocative theses, are not only “societal sensations” in Prague – Max Brod uses this occasion to champion the “creative thinker” Anton Kuh, and Felix Weltsch attests the “malicious exploring eye” of Kuh “astonishing unveilings”.

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Seiten: 54 – 64

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Steffen Höhne
Max Brods zionistischer Roman Rëubeni. Fürst der Juden
– Rëubeni. Fürst der Juden. Zionist novel of Max Brod

Max Brods literarisches Werk, welches alle Hauptgattungen von Lyrik über Dramatik und Prosa (Romane und Erzählungen) bis zur Essayistik und Biographik umfasst, ist heute weitgehend vergessen. Gleichwohl kommt diesem Werk geistes- und kulturhistorische Bedeutung zu, und zwar im Hinblick auf ästhetische und zionistische Diskurse der Moderne in Prag. In dem Beitrag erfolgt eine Einordnung Brods in den Kontext der klassischen Moderne sowie der zionistischen Debatten in Prag, an die sich eine Analyse von Brods ‚zionistischem‘ Roman Rëubeni. Fürst der Juden anschließt.

The literary works of Max Brod covering both poetry, drama and prose, and essay and biography writing, are mostly forgotten these days. Nevertheless they gain intelectual and historico – cultural significance in regard to the aesthetic and zionist discourse of „Prague Moderne“. The article aligns Brod in the context of the classic modern era and the zionist dispute in Prague and analyses Brod´s ‚zionist‘ novel „Rëubeni. Fürst der Juden“.

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Seiten: 65 – 78

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Václav Petrbok
Der andere Kisch. Der Literaturhistoriker und -kritiker Paul Kisch (1883–1944)
– The another Kisch. The literary historian and critic Paul Kisch (1883–1944)

Dieser Artikel befasst sich mit Leben und Werk des Literaturhistorikers, Kritikers und Journalisten Paul Kisch (1883-1944), dem älteren Bruder Egon Erwin Kischs. Die Studie stützt sich hauptsächlich auf Primärquellen (Briefe, Artikel und Bücher). Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen vor allem Kischs Verbindungen zu deutschen und österreichischen Politikern und Schriftstellern der 1910er-1930er Jahre und die Analyse seiner jüdischen Position sowie seiner Loyalitäten im deutschnationalen Lager, dem er angehörte.

This paper looks at the life and work of Paul Kisch (1883–1944), the literary historian, critic and journalist and older brother of Egon Erwin Kisch. Research conducted draws upon mostly primary sources including published letters, articles and books. At the center of this study are his connections to politicians and writers from the German and Austrian milieus of the 1910s-1930s as well as an analysis of his Jewish position and loyalties in the German nationalist community to which he himself belonged.

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Seiten: 79 – 100

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Ulrike Mascher
Stadttext und Selbstbild in Hermann Grabs Der Stadtpark
– Text of the City – Perception of the Self. Hermann Grab‘s Der Stadtpark

In dem folgenden Aufsatz wird ausgehend von der Außenseiterposition, die der Prager deutschsprachige Autor Hermann Grab in seinem Vortrag zu Marcel Proust dem jüdischen Künstler zuschreibt, Grabs Hauptwerk Der Stadtpark (1935) betrachtet. Dabei stellt sich vor allem die Frage, wie umgehen mit einem Prag-Roman ohne Prag? In der Zusammenschau von Grabs realer Lebenswelt, seinen ästhetischen Reflexionen im Proust-Vortrag und ihrer literarischen Ausgestaltung im Stadtpark wird ein Interpretationsweg eingeschlagen, der neue Perspektiven auf das Verhältnis zwischen Stadtwahrnehmung und Identitätsdiskursen aufzeigt.

This essay sets out to analyse Hermann Grab‘s chief work Der Stadtpark (1935) based on the position as an outsider that the Prague German-speaking author Grab ascribes to the Jewish artist in his lecture on Marcel Proust. But initially the question is, how to deal with a Prague novel without Prague? By considering Grab‘s real living environment, his aesthetic reflections in the Proust lecture and their literary implementation in the novel Stadtpark a way of interpretation is taken which especially reveals new perspectives on the relation between the perception of the city and discourses of identity.

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Seiten: 101 – 114

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Dieter Heimböckel
„Heimat für Heimatlose“. Prag aus der nahfernen Sicht Joseph Roths
– „Home for the Homeless“. Prague in Joseph Roth’s Perspective of Distanced Proximity

Joseph Roth gilt als Starjournalist der Weimarer Republik. Gleichzeitig aber publizierte er zahlreiche Gedichte, Feuilletons, Glossen und Reportagen in Prager Zeitungen, wobei das Prager Tagblatt zeit seines Lebens seine bevorzugte Publikations-Adresse blieb. Prag selbst war darüber hinaus für ihn ein Ort, an dem seine spezifische Form der Heimatlosigkeit das Ideal seiner Heimat fand. Der vorliegende Beitrag widmet sich daher unter anderem der Frage, was diesen Umstand begünstigte bzw. inwieweit seine Wahrnehmung der Stadt darüber Aufschluss gibt, was sie aus seiner Sicht zu einer „Heimat für Heimatlose“ machte.

Joseph Roth is considered to be a star journalist of the Weimar Repbulic. At the same time, however, he published a great number of poems, feuilletons, squibs and reports in Prague newspapers, whereby the Prager Tagblatt [Prague Daily] continued to be his favorite address for publishing his texts. In addition, Prague for him was a place where his specific form of homelessness found the ideal home. The text at hand thus also focuses on the question on what made this possible or to what degree his perception of the city provides an insight into what exactly made this city in his opinion a „home for the homeless“.

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Seiten: 115 – 128

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Petr Málek
„ Wo ist mein Platz?“ – Richard Weiner und die Frage nach der jüdischen Identität:
Der moderne Künstler als „Fremder“
– „Where is my place?“ – Richard Weiner and the Question on Jewish Identity:
the modern Artist as „Stranger“

Weiners Frage „Wo ist mein Platz?“ impliziert ein allgemeines Ergründen des Standorts eines jüdischen Künstlers und seines Verhältnisses zur Gesamtheit der nationalen Kultur. Die Frage nach der jüdischen Identität Weiners wirft gleichzeitig ein ganzes Spektrum an Fragen auf nach den Strategien zur Ausformung des „Fremdseins“ beim modernen Künstler. Die Studie beschäftigt sich mit den Themen Fremdheit und Identitätssuche in Weiners Werk sowie mit seinem Verhältnis zur Sprache, die er mit einem Gebrauch belädt, welcher von Deleuze und Guattari in Bezug auf Kafka als ‚minder‘ oder ‚intensiv‘ bezeichnet wird, so dass das Schreiben zur Erfahrung eines Fremden in der eigenen Sprache wird.

Weiner’s question asking „Where is my place?“ in general implies the Jewish artist’s discovery of his location and his relationship to the totality of national culture. The question on Weiner’s Jewish identity opens up a broad spectrum of questions with respect to strategies on how „alienation“ takes shape in the modern artist. The study concerns itself with issues such as alienation and the search for identity in Weiner’s work as well as with his relationship with language, which he encumbers with a practice that Deleuze and Guattari in reference to Kafka describe as „minor“ or „intense“ to where  the writing process turns into the experience of being a stranger in one’s own language.

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Seiten: 129 – 152

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Katja Wetz
Synkretismus und Poetik der Distanz in Richard Weiners „Obnova (Die Erneuerung)“
– Syncretism and poetics of distance in Richard Weiner’s „Obnova (The Renewal)“

Über die ungewöhnliche Erzählsituation eines Verstorbenen, der aus dem Fegefeuer berichtet, werden in Richard Weiners Erzählung Die Erneuerung [Obnova] jüdische und christliche Vorstellungen amalgamiert. Das jüdische Trauerritual sorgt für die Plot-Struktur der Erzählung und das Fegefeuer gibt dem Erzählort eine konkrete Anschauung. Trotz dieser grundlegend religiösen Anlage der Erzählung, lässt sich die Entwicklung, die der Erzähler nimmt, mit der modernen Mystik ohne Gott kurzschließen. Grundlegend sowohl für die Darstellung als auch für die Semantik der Erzählung lässt sich Distanz als poetische Strategie festmachen.

Using the unusual perspective of a deceased person, who reports from purgatory, Jewish and Christian notions are merged in Richard Weiner’s narrative Renewal [Obnova]. The Jewish mourning ritual provides the narrative with a plot structure and the purgatory gives the scene a concrete setting. Despite of a fundamentally religious composition of the narrative, the course the narrator takes in the narrative can be associated with a godless modern mysticism. As a basis for the illustration as well as for the semantics of the narrative, distance serves as poetic strategy.

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Seiten: 153 – 168

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Peter Zusi
Beyond the Uncanny: Weiner’s War and Kafka’s Message
– Jenseits von dem Unheimlichen: Weiners Krieg und Kafkas Botschaft

Der Artikel präsentiert ein close reading von Richard Weiners Erzählung „Kostajnik“ (1916), die den emotionalen Aufruhr eines tschechischen Offiziers porträtiert, als dessen österreichische Einheit am gleichnamigen Berg auf serbische Truppen trifft. Der Kostajnik fungiert dabei als ein Symbol des Unheimlichen, was in außergewöhnlichem Maße Freuds berühmten Essay „Das Unheimliche“ (1919) vorwegnimmt. Allerdings transformiert Weiner dieses Symbol auf eine Art und Weise, die über Freuds Unheimliches hinausgeht. Eine vergleichbare Verschiebung lässt sich in Kafkas kurzem Text „Eine kaiserliche Botschaft“ (1919) erkennen, weshalb hier vorgeschlagen wird, in solchen Überschreitungen für gewöhnlich erwarteter interpretativer Kategorien ein gemeinsames Merkmal von Kafkas und Weiners Modernismus zu sehen.

This article presents a close reading of Richard Weiner’s story “Kostajnik” (1916), which portrays a Czech officer’s emotional tumult as his Austrian unit approaches Serbian forces on the mountain Kostajnik. This mountain functions in the story as a symbol of the uncanny that, to an extraordinary degree, anticipates Freud’s famous essay “Das Unheimliche” (1919). Yet Weiner transforms this symbol in a way that goes beyond the Freudian uncanny. A comparable shift is discernible within Kafka’s short text “Eine kaiserliche Botschaft” (1919); this article thus suggests that such a move beyond the interpretive categories one might expect to structure these texts constitutes a shared feature of Kafka and Weiner’s modernism.

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Seiten: 169 – 180

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Veronika Ambros
Golem: aus vielen Stoffen gezaubert
– Golem: Made of many substances

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die literarische Figur des Golem mit der Prager jüdischen Folklore assoziiert. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts aber, als zeitgenössische Theorien zum Schauspiel (Craig) und zum Lachen (Bergson) Marionetten und Mechanisierung konzeptualisierten, wurden Golem-Figuren, die sich nun von rein fiktionalen Gestalten zu visuell vorgeführten belebten und unbelebten Wesen wandelten, zu einer Herausforderung für Bühne und Leinwand. Die Werke, in denen sie erschienen, trugen zu einem Bild des fiktionalen jüdischen Prag bei, das grotesken Verzerrungen, Horror oder dem Lächerlichen unterworfen wurde. Der Aufsatz fokussiert die Verbindung zwischen dem Phantastischen und dem Komischen.

Since the mid-nineteenth century, the literary character of the golem has been associated with Prague Jewish folklore. At the beginning of the twentieth century, however, when contemporary theories of acting (Craig) and laughter (Bergson) conceptualized marionettes and mechanization, golems moving from mere fictional characters to visually performed animate and inanimate beings challenged stage and screen. They appeared in works, which contributed to an image of fictional Jewish Prague that was subject to grotesque distortion, horror or ridicule. My paper focuses on the connection between the fantastic and comic.

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Seiten: 181 – 192

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Veronika Tuckerová
The Remains of the Triple Ghetto in the Prague Underground
– Überbleibsel des „dreifachen Ghettos“ im Prager Underground

Der Aufsatz untersucht die Verwendungsweisen des “Ghetto”-Konzepts in der tschechischen Samizdat- und Underground-Kultur der 1970er und ‘80er Jahre vom „fröhlichen Ghetto“ des tschechischen Underground bis zu  verschiedenen Varianten, in denen Paul Eisners Konzept des „dreifachen Ghettos“ im Samizdat und vor allem in Literatur, Film und Musik des Underground wieder aufgegriffen wird. Der Underground der ‘70er und ‘80er schätzte insbesondere die Prager deutschen und deutsch-jüdischen Schriftsteller und die mit ihren Werken verbundenen Orte. Der Aufsatz vertritt die These, dass es Verbindungslinien zwischen den verschiedenen – soziologischen, literarischen und historischen – „Ghetto“-Konzepten und der Wahrnehmung Prags durch die Samizdat- und Underground-Autoren gab.

This article explores the uses of the concept of “ghetto” in Czech samizdat and underground culture during the 1970s and 1980s from the “merry ghetto” of the Czech underground, to various resurfacings of Paul Eisner’s concept of the “triple ghetto” topos in samizdat, and specifically underground, literature, film, and music. The ‘70s and ‘80s underground held in special regard Prague German and German Jewish writers and the places connected to their work. This article argues that links existed between the various concepts of “ghetto” – sociological, literary and historical – and the perceptions of Prague by samizdat/underground authors.

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Seiten: 193 – 210

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Weitere Beiträge 2015
Jana Maroszová
Hans Kollibabes Bergreichenstein
– Hans Kollibabe and His Bergreichenstein

Der Aufsatz stellt die heutzutage vergessene Persönlichkeit Hans Kollibabes (1880–1950) vor. Als Realschulprofessor in Bergreichenstein (Kašperské Hory) hat Kollibabe in seinem Wirkungsort vielseitige Tätigkeit entwickelt und war in der Zwischenkriegszeit als einer der Hauptorganisatoren des gesellschaftlichen Lebens der Stadt aktiv. Außer der Leitung mehrerer Chöre und Orchester hat er Sagen und Märchen aus der Region gesammelt und herausgegeben. Kollibabe war ebenfalls an der Gründung des Bergreichensteiner Heimatmuseums maßgeblich beteiligt. Vorgestellt wird anhand von Archivmaterialien und Autographen Kollibabes Leben von der Geburt bis zum Tod. Sein gesellschaftliches Wirken wird zusammenfassend dargestellt und in die damaligen Konstellationen eingebettet.

This article presents Hans Kollibabe (1880–1950), a person well known in Bergreichenstein (Kašperské Hory) before 1945, but now forgotten. Kollibabe was a teacher of German and French, Music and Latin at the secondary modern school (Realschule). He took part in cultural life of the town, was one of the founders of the Folkloristic Museum of the Bohemian Forest. As choirmaster, conductor and musician, he was the head of the music life in the town. He also collected fairy tales and regional legends in his spare time and edited some books and anthologies of fairy tales and legends as well. By means of archive materials and autographs, Kollibabe’s life from birth to death is presented. His social activities are unfolded against the background of the historical and local context, and an attempt is made to define in which folkloristic and ethnographic tradition he was posited.

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Seiten: 213 – 240

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Vendula Trnková
Das Genre ‚Studentenroman‘ und die Rezeption von Karl Hans Strobls Werk
– The Genre ‘student novel’ and the Reception of Karl Hans Strobl’s oeuvre

Die Literaturwissenschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts diskutiert die Romane aus dem Studentenmilieu des deutschböhmischen Schriftstellers Karl Hans Strobl mit Bezug auf ihre Genrezugehörigkeit. Die Positionen wechseln dabei je nach Kontext, Perspektive und Interessenlage der Beteiligten. Strobls Romane aus dem Studentenmilieu werden dabei vor allem als „Studentenroman“, „Prager Roman“ und in den 20. und 30. Jahren als „Kampfromane“ oder „Grenzlandromane“ kategorisiert. Die vorliegende Studie beschäftigt sich mit der Kategorisierung einzelner Romane zu rezeptionsintensiven Zeitpunkten, in denen man besonders gut rekonstruieren kann, wie Strobls Romane kommuniziert und interpretiert wurden: beim Erscheinen der Prosa Die Vaclavbude (1902), des Romans und bei der überarbeiteten Neuauflage des Romans Der Schipkapaß (1908) unter dem Titel Die Flamänder von Prag (1932).

In the first half of the 20th century, the student novels by the Czech German-speaking writer Karl Hans Strobl became the object of scholarly debates regarding also their genre classification. This paper analyses the paratexts and the primary reception (critique, literary columns etc.) of Strobl’s novels in moments that allow to reflect the transformation of the communication strategy and their interpretation, that is after the publication of Strobl’s first bestseller, the prose Die Vaclavbude (1902), the novel Das Wirtshaus Zum König Przemysl (1913), and the novel Die Flamänder von Prag (1932), which was the second edition of the novel Der Schipkapaß (1908). While most interpretations at the beginning of the century tended to categorize these books as ‘student novels’ (Studentenroman) and ‘Prague novels’, the same works were in the 1930’s recategorized as ‘novels about conflicts on the ethnical frontier’ (Kampfroman or Grenzlandroman).

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Seiten: 241 – 256

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Julia Mierbach
Alternative Gemeinschaftsentwürfe vor dem Hintergrund des tschechisch-deutschen
Nationalitätenkonflikts bei Gustav Meyrink und Erwin Guido Kolbenheyer
– Alternative concepts of community and the national conflict of Germans and Czechs
by Gustav Meyrink and Erwin Guido Kolbenheyer

Der Beitrag rekonstruiert eine markante Übereinstimmung in den Gemeinschaftsentwürfen des deutschnationalistischen Schriftstellers E. G. Kolbenheyer und des fantastischen Autors Gustav Meyrink aufgrund gemeinsamer kulturhistorischer Paradigmen. Trotz divergierender ideologischer und thematischer Impulse in ihren Texten zeigt eine vergleichende Analyse im Rückgriff auf Ferdinand Tönnies‘ Gemeinschaftsbegriff, dass beide Autoren den deutsch-tschechischen Nationalitätenkonflikt als Element einer übergeordneten Gemeinschaftsform inszenieren. Dabei lässt das soziale Prinzip eine nuancierte Sicht auf die Diskontinuität des Desintegrationsprozesses zwischen Tschechen und Deutschen in Böhmen zu.

This paper deals with a distinctive similarity in the concepts of community by the German nationalistic author E.G. Kolbenheyer and the fantastic author Gustav Meyrink based on shared cultural and historical paradigms. Despite divergent impacts regarding ideological notions and topics in their texts, a comparative analysis referring to the popular term ‘Gemeinschaft’ by the sociologist Ferdinand Tönnies shows that both authors represent the national conflict of Germans and Czechs as part of a superordinated version of ‘Gemeinschaft’. The social principle allows for a detailed perspective on the process of disintegration between Germans and Czechs in Bohemia.

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Seiten: 257 – 286

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Berichte 2015
Karsten Rinas
Grenzlandliteratur als Forschungsgegenstand
– „Grenzlandliteratur“ as research topic

Dieser Aufsatz skizziert die Entwicklung der deutschen und tschechischen Grenzlandliteratur und bietet eine kritische Darstellung der Erforschung dieses Genres. Insbesondere wird die Frage diskutiert, mit welchem Erkenntnisinteresse diese Literatur wissenschaftlich untersucht werden könnte.

This article offers a sketch of the development of the German and Czech ‘Grenzland’ literature. Furthermore, the research on that subject is critically summarized and reviewed. The focus lies on the question, for what purposes this kind of research could be useful and in what way it should be developed.

Seiten: 287-314

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Gerhard Trapp
Jüngste internationale Forschungsbeiträge zum Werk Johannes Urzidils

Seiten: 315 – 320

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Klaas-Hinrich Ehlers
Leopold Silberstein – ein deutsch-jüdischer Intellektueller aus Berlin als Kulturbotschafter
der Tschechoslowakischen Republik

Seiten: 321 – 327

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Neue Literatur 2015
Rezensionen 2015

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Annette Teufel:
Der ‚un-verständliche‘ Prophet. Paul Adler, ein deutsch-jüdischer Dichter
(Justus H. Ulbricht)
331

Nora Hoffmann, Natalia Shchylevska (Hgg.):
Joseph Roth als Stilist. Annäherung durch Theorie und Übersetzung
(Ingeborg Fiala-Fürst)
333

Olga Zitová:
Thomas Mann und Ivan Olbracht.
Der Einfluss von Manns Mythenkonzeption auf die karpatoukrainische Prosa des tschechischen Schriftstellers
(Anne Hultsch)
335

Dalibor Dobiáš, Michal Franek, Martin Hrdina, Iva Krejčová, Kateřiná Piorecká:
Rukopisy královédvorský a zelenohorský a česká věda (1817-1885)
[Die Königinhofer und Grünberger Handschrift und die tschechische Wissenschaft]
(Steffen Höhne)
339

Germanoslavica. Zeitschrift für germano-slawische Studien.
Sonderheft: Deutschmährische Literatur 24/2
(Daria Šemberová)
340

Sächsisch-Böhmische Beziehungen im Wandel der Zeit. Essays.
Hrsg. von Kristina Kaiserová und Walter Schmitz
Sächsisch-Böhmische Beziehungen im Wandel der Zeit. Quellenband.
Hrsg. von Kristina Kaiserová und Walter Schmitz
Sächsisch-Böhmische Beziehungen im Wandel der Zeit.
Hrsg. von Kristina Kaiserová und Walter Schmitz
(Milan Tvrdík)
345

Reinhard Mehring (Hg.):
Ethik nach Theresienstadt. Späte Texte des Prager Philosophen Emil Utitz (1883-1956)
(Hans Dieter Zimmermann)
348

Roman Karl Scholz:
Auswahl aus dem Werk / Výbor z dila.
Hrsg. von der Arbeitsstelle für deutschmährische Literatur am Institut für Germanistik der Palacký-Universität Olmütz
Lukáš Motyčka, Barbora Veselá (Hgg.):
Anthologie der deutschmährischen Literatur. Antologie němeké moravské literatury.
Hrsg. von der Arbeitsstelle für deutschmährische Literatur am Institut für Germanistik der Palacký-Universität Olmütz
(Steffen Höhne)
351

Klaas-Hinrich Ehlers, Marek Nekula, Martina Niedhammer, Hermann Scheuringer (Hgg.):
Sprache, Gesellschaft und Nation in Ostmitteleuropa. Institutionalisierung und Alltagspraxis
(Barbara Mertins)
353

Elke Hentschel, Theo Harden:
Einführung in die germanistische Linguistik
(Dalibor Zeman)
357